Offshoring: Job-Export zerstört die Innovationskraft ganzer Volkswirtschaften

Veröffentlicht am 29.11.2005 in Wirtschaft

Seit über zwei Jahren gehört in Deutschland auch die Verlagerung von Arbeitsplätzen qualifizierter Fachkräfte in Niedriglohnländer zum Standardrepertoire großer Unternehmen.

Populär bei Managern und ihren Unternehmensberatern ist die aus den USA stammende General Electric-Formel: 70 Prozent der Konzern-Dienstleistungen einkaufen, davon 70 Prozent aus dem Ausland, davon wiederum möglichst 70 Prozent aus Indien. Völlig in diesem Trend hat der Siemens-Konzern ganze Produktionssparten in Niedriglohnländer (zum Beispiel die Handy-Fertigung nach Ungarn oder Siemens VDO Würzburg nach Tschechien) ausgelagert und bereitet Vergleichbares bei Dienstleistungen wie Einkauf, Buchhaltung und Personaldiensten vor. Für ein besonders eindrucksvolles Beispiel, wie dem Sog des "Offshoring" zwischenzeitlich nachgegeben wird, sorgt die Versicherungsgruppe AXA mit ihrem Vorhaben, die Bearbeitung von Schadensansprüchen - derzeit sind damit 600 Mitarbeiter in Köln beschäftigt - nach Indien auszulagern.

Das "Offshoring" erfasst in der Industrie - im Pharma- und Technologiesektor - längst auch Kernkompetenzen der Unternehmen wie Forschung und Entwicklung. Dieser Exodus folgt mit einem Zeitverzug von 10 bis 15 Jahren dem der Produktion. So baut etwa der Autozulieferer Conti beachtliche Entwicklungskapazitäten in Rumänien auf, für die medizinische und Pharmaforschung sind Labors in Indien eine bevorzugte Adresse, in den USA wird darüber diskutiert, ob die High-Tech-Industrie dort überhaupt noch eine Zukunft hat, wenn nach dem Muster von PC-Weltmarktführer Dell alles - außer Marketing und Vertrieb - outgesourct wird. Bei den klassischen Bürotätigkeiten steht - zumindest in Westeuropa - der "Big Bang" noch bevor. Allein in der Finanzbranche dürften in den nächsten Jahren 600.000 Jobs verloren gehen, weil spezialisierte "Fabriken" die Abwicklung von Bank-Transaktionen in Indien oder anderswo übernehmen.

Der Trend zum "Offshoring" in der Privatwirtschaft ist inzwischen so ausgeprägt, dass Unternehmen, die ihm nicht folgen, mit Wettbewerbsnachteilen rechnen müssen. Es ist an der Tagesordnung, dass Einkäufer - wenn sie mit ihren Lieferanten verhandeln - ausdrücklich Low-Cost-Standorte verlangen. Bei Software-Projekten ist die Mischkalkulation mit Tagessätzen aus Hochlohn- und Niedriglohnländern längst üblich.

"Offshoring" ist also kein Mythos mehr, sondern längst Realität. Um so mehr drängt sich die Frage auf, welche Perspektiven den davon betroffenen Arbeitnehmern, aber auch den Gesellschaften, in denen sie leben, noch bleiben. Ist Widerstand dagegen überhaupt möglich und sinnvoll, wenn diese Entwicklung ein ebenso zwangsläufiger Prozess ist wie der Niedergang ganzer Industrien in den USA, Kanada, Westeuropa oder Japan (Kohle und Stahl, Maschinenbau) während der vergangenen 30 Jahre?

Nomaden der Glitzerstädte

Schon seit den Frühzeiten des Kapitalismus gibt es eine Konkurrenz des Lohndumpings: Im 16. Jahrhundert haben aufstrebende holländische Reeder die marktbeherrschenden Gegenspieler aus Genua und Venedig mit billigen Frachten und billigen Seeleuten nieder konkurriert. Zur gleichen Zeit waren von Süddeutschland über Prag bis nach Litauen fast nur noch italienische Handwerker und Baumeister gefragt, sollten Barockkirchen oder -paläste errichtet werden - sie dominierten durch Innovation und Kreativität einen expandierenden Markt.

Dass Arbeitsplätze global verlagert werden, ist keine Anomalie der Globalisierung, sondern Teil einer ständigen Transformation des Kapitalismus. Und für sich betrachtet, ist der Aufbau von Industrien und Dienstleistungszentren in Weltregionen mit großem ökonomischen Nachholbedarf durchaus sinnvoll. Es kann nicht das Interesse von Gewerkschaftern in den Hochlohnländern sein, dass der Weltmarkt bis in alle Ewigkeit die Lieferanten der Rohstoffe und Billigprodukte von den reichen Industrienationen mit ihren hochwertigen Warensortimenten scheidet. Natürlich wird sich dann zwangsläufig die Kräftebalance zwischen Industrie- und Low-Cost-Staaten verschieben.

Im April 2005, während des Besuchs einer Softwarefirma im indischen Bangalore erklärte Chinas Premier Wen Jibao, gemeinsam mit Indien bilde sein Land das neue Weltzentrum der Computertechnologie. China habe besondere Stärken bei der Hardware, Indien bei der Software - man solle die Anstrengungen bündeln. Dies klang nicht wie eine Herausforderung, sondern eher wie eine Kampfansage an die noch vorrangig von US-Firmen dominierte High-Tech-Branche.

Doch wäre es naiv zu glauben, mit der Globalisierung gehe eine neue soziale Fairness einher, die das Gefälle zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern und innerhalb ihres eigenen Sozialgefüges überwinden hilft - im Gegenteil. Der wachsende gesellschaftliche Reichtum in China ist alles andere als homogen verteilt. Beobachter sollten sich nicht vom Luxus der neuen Elite und vom Wohlstand der urbanen Mittelklasse blenden lassen. Etwa 150 Millionen (!) Wanderarbeiter, die ihre Existenz in der Landwirtschaft verloren haben, müssen sich unter sklavenähnlichen Bedingungen auf den Baustellen der Glitzerstädte wie Schanghai oder Xiamen, im Straßenbau oder in den Bergwerken verdingen. Sie bezahlen die Wohlfahrt der sozialen Aufsteiger - ihr Elend offenbart, wie sich die einst von Karl Marx am Beispiel Englands beschriebene ursprüngliche Akkumulation des Kapitals mit all ihren Grausamkeiten im 21. Jahrhundert wiederholt.

Der globale Job-Export sorgt weder bei den Empfängern wie in China und Indien noch bei den Absendern in Europa wirklich für mehr sozialen Ausgleich, sondern hinterlässt Millionen von Verlierern. Das gilt im wachstumsschwachen Deutschland ebenso wie in den USA, Großbritannien oder Schweden, wo nur ein Teil (die Älteren fast nie) der vom Job-Exodus Betroffenen neue Beschäftigungen findet und dabei oft geringere Einkommen hinnehmen muss.

Hilflose Heuschrecken-Rhetorik

Seit den neunziger Jahren ist das globale Angebot an Arbeitskräften, gerade auch an exzellent ausgebildeten Spezialisten, schlagartig explodiert. Der Zusammenbruch der ökonomischen Systeme Osteuropas nach 1990, die Auftritte Indiens, Chinas, Südkoreas, Indonesiens, Vietnams, aber auch Brasiliens oder Argentiniens auf dem Weltmarkt haben zu einem Überangebot geführt, das bis 2010 kaum abgebaut werden dürfte. Dank weltweit angelegter Wertschöpfungsketten und moderner IT-Methodik kann das Kapital seine Nachfragemacht optimal ausspielen und den Preis der Arbeitskraft diktieren. Die Politik auf nationaler wie supranationaler Ebene (EU) ist nicht mehr in der Lage, regulierend einzugreifen und den Globalisierungswildwuchs einzudämmen. Was bleibt, ist hilflose Heuschrecken- oder Kapitalismus-Rhetorik à la Müntefering.

Dabei droht die Basis ganzer Volkswirtschaften zu erodieren, weil allein das Auslagern von Forschung und Entwicklung in Niedriglohnländer an der Substanz vieler Unternehmen zehrt, deren Innovationskraft verloren geht. Man nehme nur das Beispiel Computerindustrie: Der von Weltmarktführer Dell angezettelte Preiskrieg bei Personalcomputern, Standard-Servern und Notebooks hat dazu geführt, dass die Entwicklungsbudgets der Konkurrenz drastisch reduziert werden und die gesamte Produktinnovation (inklusive Basistechnologien) inzwischen in Ostasien stattfindet. 75 Prozent aller Notebooks kommen aus Fabriken der unbekannten Firma Quanta, gleichfalls das gesamte Design für Kunden von Dell, HP, IBM. Beispiel Handys: Es ist sicher kein Zufall, dass die vom angelsächsischen Outsourcing-Virus nicht infizierten asiatischen Konzerne wie Samsung oder LG Marktanteile gewinnen, weil die nötigen Basistechnologien wie Chips, Displays und so weiter aus den benachbarten und nicht den outgesourcten Konzernabteilungen kommen. Und während bei den Netz-Ausrüstern die integrierten asiatischen Anbieter zum Angriff auf die Märkte der etablierten US- und EU-Hersteller blasen, sind die immer noch mit Ausgliedern und Verlagern beschäftigt.

In der deutschen Autoindustrie hat indes ein Umdenken eingesetzt, weil die ins Ausland delegierten Randkompetenzen von gestern plötzlich als die Kernkompetenzen von morgen begriffen werden. So haben mehrere Produzenten wieder eigene Elektronikabteilungen aufgebaut, weil ihnen sonst das Know How für das Auto der Zukunft fehlen könnte.

Quelle: Freitag 47; 25.11.2005; Autor: Wolfgang Müller

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